Wohnraumakustik

Akustik in Wohnräumen

Der heute gängige Architektur-Stil im Wohnungsbau mit vielen glatten Flächen und offenen Räumen führt unweigerlich zu raumakustischen Problemen. Bei einem Neubau sollte man sich deshalb rechtzeitig um den Aspekt Raumakustik kümmern. Nachträglich können Korrekturen in Form von Akustikelementen helfen. Eine kurze Darlegung über die Problematik und die möglichen Gegenmassnahmen.

Vorbemerkung

Beachten Sie bitte, dass ich selber keine Aufträge zur akustischen Optimierung von Wohnräumen vornehme.

War früher alles besser?

Damit Sie eine ungefähre Ahnung von meinem Lebensalter kriegen: Ich kann mich noch daran erinnern, als man Wohnungen und vor allem Wohnzimmer, vorzugsweise mit wuchtigen Polstermöbeln, dicken Vorhängen und Teppichböden ausgestattet hat. Man mag das nun schön finden oder nicht (heute tendiert die Meinung eher zu "nicht"), jedoch hatte dies einen nicht unwesentlichen Nebeneffekt: eine angenehme Raumakustik mit genügend absorbierenden Flächen.

Ganz anders heute: Glaubt man den zahlreichen Hochglanzmagazinen über Architektur und Inneneinrichtungen (nicht, dass Sie jetzt denken, ich würde sowas lesen!) und sieht sich in einer durchschnittlichen modernen Wohnung um, dann dominieren grosse, schallharte, reflektierende Flächen in Form von riesigen, vorhangslosen Fensterfronten, glatten Wänden, Decken und Böden, kombiniert mit einer spärlichen Möblierung.

Wohnraumakustik

Stark verschärfend dazu kommt dann noch die Tendenz zu offenen Räumen: Immer öfter besteht eine Wohnung nicht mehr aus einzelnen Zimmern, sondern nur noch aus einem einzigen grossen, mit Treppen und (möglichst grossen Durch-) Gängen verbundenen Innenraum. Dass man wenigstens auf dem Klo noch eine Türe hinter sich schliessen kann, löst da schon beinahe Erstaunen aus.

Sowohl dem Raumgefühl, der Lichtdurchflutung als auch der Optik mag dies durchaus zuträglich sein. Die Akustik in solchen Wohnungen ist hingegen nicht selten irgendwo zwischen ungenügend und katastrophal angesiedelt: Die glatten Flächen reflektieren den Schall optimal und das grosse Gesamtvolumen durch die akustisch gekoppelten, offenen Räume führt zu einer langen Nachhallzeit.

Die Folge ist nicht nur ein generell unangenehmer Klang, sondern auch eine übermässige Lärmentwicklung, wenn mehrere Personen gleichzeitig sprechen, Kinder spielen oder Geräusche, beispielsweise in der Küche, erzeugt werden. Eine Kommunikation zwischen zwei Personen in mehreren Metern Abstand ("Bring mal den Müll runter", "Hole mir noch ein Bier aus dem Keller" u.ä.) ist oft nicht oder nur eingeschränkt möglich, der Ehekrach aufgrund von Sprachunverständlichkeit und Missverständlichem vorprogrammiert. Von Genuss beim Musikhören und Filmeschauen kann oft ohnehin keine Rede mehr sein.

Dass eine schlechte Raumakustik auch der Gesundheit ganz und gar nicht zuträglich ist, wurde inzwischen wissenschaftlich vielfach belegt. Selbst soziale Auswirkungen sind feststellbar: Immer wieder höre ich und stelle auch selber fest, wie unangenehm es ist, wenn in einer miserablen akustischen Umgebung mehrere Leute am Tisch sitzen und sich unterhalten. Da das Gehirn ständig gezwungen ist, die Nutzinformation (Sprache) aus einem Wust von übermässigem Raumschall herauszufiltern, ermüdet man schneller, man fühlt sich unwohl, regiert unter Umständen gar mit Kopfschmerzen und anderen Beeinträchtigungen auf den "akustischen Dauerstress". Wenn man sich aber nicht wohlfühlt nimmt auch die Lust ab, als Gast noch da hinzugehen und den Hausherrschaften steht irgendwann der Sinn auch nicht mehr danach noch jemanden einzuladen. Schade eigentlich.

Markus Zehner Akustik

Fallbeispiel: Viel Luft nach oben

Generell leidet durch übermässigen Nachhall - wie oben bereits beschrieben - auch die Sprachkommunikation. Bei Familie M. zum Beispiel ist eine Verständigung von Person zu Person über eine Distanz von mehr als 3 Metern praktisch ausgeschlossen: Man versteht einander einfach nicht, wie ich mich vor Ort selber überzeugen kann. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn im neu gebauten Haus beträgt die Nachhallzeit im Wohnzimmer im Mitteltonbereich zwischen 1,5 und 2 Sekunden, im Bassbereich steigt sie sogar auf 3 Sekunden an! Für eine Kirche ist das ganz gut; in einem Wohnraum völlig inakzeptabel.

Dies ist für Herrn M. umso ärgerlicher, als dass er den Architekten ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass er in seinem Wohnzimmer ein kleines Heimkino installieren möchte; was Nachhallzeiten erfordert, die vielleicht im Bereich von 0,4 Sekunden liegen. Die untenstehende Grafik zeigt die gemessene Nachhallzeit im Wohnbereich von Familie M. (blaue Kurve) und die anzustrebende Nachhallzeit für die vorgesehene Nutzung (Toleranzschlauch rote Linien). Das zur Nachhallzeitmessung gehörige Wohnzimmer, sehen sie übrigens im Bild weiter oben (die unordentlich herumliegenden Kabel gehören allerdings zu meinem Messequipment und nicht zur Wohnung).

Nachhallzeit Wohnung

Die Situation ist für Herrn M. und seine Familie dermassen untragbar, dass er bereits mit dem Gedanken gespielt hat, seinen Architekten einzuklagen. Dieser will sich keines Fehlers bewusst sein, bietet aber schliesslich eine kleine Ausgleichszahlung an. Viel ist es nicht; aber auf einen langen Rechtsstreit mit ungewissem Ausgang möchte Herr M. sich dann doch nicht einlassen. Also nimmt er das Geld und verbessert mit einigen grossflächigen Deckensegeln die Raumakustik immerhin soweit, dass die Wohnung bewohnbar wird - vom Betrieb eines Heimkinos ist längst nicht mehr die Rede, hierfür wären einige zusätzliche Massnahmen nötig.

Originalzitat Herr M.: "Wir haben die vorgeschlagenen Absorberplatten im Luftraum an der Decke montiert und das Ergebnis ist wirklich sehr, sehr gut. Der Raum wurde viel ruhiger und das selbst bei einem Kindergeburtstag."

Tipps für Bauherren

Welche Lehren kann man aus solchen und vielen anderen, ähnlich gelagerten Fällen als Bauherr ziehen?

Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, das Architekten sich oft als Künstler sehen - ob sie diesem Anspruch auch genügen, darüber gehen die Meinungen fallweise weit auseinander; andererseits ist Kunst ja auch Geschmacksache. Fachlich qualifiziert und sensibilisiert sind im Bereich Raumakustik die allerwenigsten. Man kann von Glück reden, wenn der Architekt gerademal rudimentäre Grundlagenkenntnisse auf diesem Gebiet vorweisen kann. Oft muss deshalb der Bauherr selbst auf die sich unter Umständen abzeichnende Problematik hinweisen und darauf beharren, dass dieser Aspekt bei der Planung mitberücksichtigt wird. Am besten mit konkreten, objektiv überprüfbaren Zielvorgaben.

In Wohnräumen, die viele glatte Flächen (Sichtbeton, grosse Fensterflächen etc.) aufweisen werden, sollte eine Akustikdecke in Betracht gezogen werden. Es gibt sie von vielen Herstellern. Darunter versteht man übrigens nicht unbedingt die gelochten Deckenplatten, die von den meisten Bewohnern als ästhetisch nicht allzu optimal betrachtet werden. Akustikdecken kann man auch ohne Löcher und fugenlos nahezu "unsichtbar" in den Bau integrieren, vorausgesetzt man kümmert sich rechtzeitig darum.

Aber Vorsicht! Wenn erhöhte Ansprüche an die Akustik bestehen, weil man zum Beispiel eine hochwertige Musikanlage installieren oder ein kleines Heimkino einrichten möchte, dann ist eine Akustikdecke oftmals keine gute Variante: Die Absorption ist dann nämlich auf nur eine Fläche reduziert und wirkt ohne zusätzliche Vorkehrungen meist auch nur im Sprachbereich. Unter Umständen ist es dann sinnvoll einen erfahrenen Raumakustiker beizuziehen, um ein ausgewogenes Konzept umzusetzen. Und zwar vorzugsweise so früh wie möglich in der Planungsphase.

Bei der Wahl des Akustikers sollte man unbedingt darauf achten, dass er Erfahrung mit der Aufgabenstellung hat: Die überwiegende Zahl der Raumakustiker beschäftigt sich mit Räumen zur Sprachübertragung und verfügt deshalb nicht über das spezifische Fachwissen, welches für hochwertige Heimkinos oder Musikhörräume erforderlich ist. (Beachten Sie bitte, dass ich selber im Heimbereich ausschliesslich dedizierte Hörräume und Heimkinos plane und optimiere, aber keine reinen oder gemischtgenutzten Wohnräume)

Und wenn es bereits zu spät ist? Das Haus ist gebaut und man stellt erst hinterher fest, dass die Akustik unzulänglich ist? Dann kann man auch noch nachträglich mit absorbierenden Materialien eine ausser Kontrolle geratene Raumakustik bändigen. In Frage kommen z.B. absorbierende Deckensegel, akustische Wandpaneelen (unauffällig in Form sogenannter "akustischer Bilder" integrierbar) und ähnliche Akustikprodukte.

Falls es rein um das persönliche Wohlbefinden, die Reduktion des Lärmpegels oder die Verbesserung der Sprachverständigung geht, können schalldämpfenden Materialien auch schrittweise in den Raum eingebracht werden, bis das Ergebnis zufriedenstellend ausfällt. Grundsätzlich ist es dabei von Vorteil, wenn die Flächen einigermassen gleichmässig im Raum verteilt sind. Aber bereits mit einer grossen Fläche an der Decke lässt sich in der Regel schon viel erreichen.

Wenn in der Wohnung auch eine hochwertige Film- oder Musikwiedergabe angestrebt wird, sind zusätzliche Kriterien zu beachten und Auswahl und Position der Akustikelemente sollten sorgfältig geplant werden.

(c) Markus Zehner, www.zehner.ch, 2018

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