Akustik Jetzt!

Ich komme nie zu früh!

Es ist leider eine Tatsache, dass die meisten Bauherren sich entweder gar nicht oder aber dann viel zu spät um die Raumakustik kümmern (lesen Sie dazu auch meinen Artikel über Wohnraumakustik). Die Frage zu welchem Zeitpunkt man innerhalb eines Projektes einen erfahrenen Akustiker beiziehen sollte, lässt sich ganz einfach beantworten: man kann gar nicht zu früh sein! Ich erläutere dies anhand von drei realen Fallbeispielen.

Beispiel 1: Der Architekt und sein Akustiker

Der Kunde baut ein Haus und möchte darin einen hochwertigen Musikraum einrichten. Es handelt sich um die Erfüllung eines Jugendtraums und dem gut betuchten Kunden sind jegliche Mittel recht. Also vertraut er seinem Architekten (Fehler Nummer 1). Als dieser realisiert, dass es der Kunde wirklich ernst meint, zieht er einen Akustiker bei. Das ist an sich eine gute Idee. Nur dass der Hausakustiker des Architekturbüros von hochwertigen Musikräumen keinerlei Ahnung hat, beschäftigt er sich doch sonst ausschliesslich mit der Raumakustik von Büros und öffentlichen Bauten (Fehler Nummer 2).

Der Mann scheint dem Bauherrn aber auf den ersten Blick trotzdem gut geeignet, weil der Akustiker nämlich selber Musiker ist (Fehler Nummer 3). Als solcher weiss er natürlich, dass schwingungsfähige Systeme (z.B. eine Saite einer Geige) derart resonieren, dass sich eine Grundschwingung und ganzzahlige Vielfache davon ausbilden. Daraus schliesst er, dass es eine gute Idee ist, den Raum so zu planen, dass Länge, Breite und Höhe in einem ganzzahligen Verhältnis zueinander stehen (Fehler Nummer 4). Tatsächlich sind Räume mit Dimensionsverhältnissen, die ganzzahligen Vielfachen entsprechen so ziemlich der akustische Supergau. Ja, das sollte sogar ein Büroraumakustiker wissen.

Eine der Wände wird so geplant, dass sie um 4 Grad angeschrägt ist (Fehler Nummer 5). Als Grund wird später angegeben, dass damit stehende Wellen verhindert werden sollen. Nun ist es ein sehr weit verbreiteter Irrtum, dass sich stehende Wellen nur zwischen parallelen Wänden ausbreiten; aber wenn solche Aussagen von einem an Fachmann kommen, gibt das schon zu denken.

Das Bauvorhaben ist längst bewilligt, als dem Bauherrn - der selber einiges akustisches Vorwissen hat - zunehmend Zweifel an der Kompetenz des Fachplaners kommen. Als ich eingeschaltet werde, ist es bereits zu spät: An der grundlegenden Planung des Raums kann nichts mehr verändert werden.

Meine Aufgabe ist es nun, die ungünstige Ausgangslage geradezubiegen und die denkbar schlechte modale Struktur des Raums wenigsten einigermassen in den Griff zu kriegen. Das ist baulich komplizierter als gedacht, zeitlich aufwändiger als gewollt, unangenhem teuer und für alle Beteiligten nervenaufreibend. Selbst mit allem möglichen Einsatz ist ausserdem schon zum vornerein klar, dass dieser Raum akustisch nie mehr wirklich gut werden wird - mindestens nicht so gut, wie er hätte sein können.

Markus Zehner Akustik

Beispiel 2: Schräg ist sicher immer gut

Als ich gerufen werde, befindet sich das Tonstudio bereits im Rohbau. In der grosszügigen Regie finde ich die Situation vor, dass die eine Seitenwand schräg betoniert wurde. Weshalb erschliesst sich mir nicht ganz (es war nicht der selbe Akustiker, wie vorher), aber vermutlich hat irgendwann, irgendjemand, irgendwo gelesen, dass dies aus irgendeinem Grund eine gute Sache sei.

Nun, es ist ganz und gar keine gute Sache: Durch den asymmetrischen Grundriss der Schale entsteht auch eine asymmetrische Schallausbreitung, was sich vor allem im Bassbereich als sehr schlecht erweisen wird. Selbst mit einem beliebig erhöhten Aufwand an Planung, Zeit, Geduld und Geld ist dies nie mehr ganz zu korrigieren (ausser man würde die Wand einreissen, schade, dass sie auch noch eine Tragefunktion hat): Wie auch immer man die inneren Schalen der Regie konstruiert, zusammen mit den äusseren Schalen wird sich immer eine Asymmetrie ergeben. Unlösbare Probleme sind damit schon vorprogrammiert, bevor man mit der Planung der Innenraumakustik überhaupt erst angefangen hat.

Beispiel 3: Ich habe schon mal angefangen

Zugegeben dauert es manchmal etwas, bis ich einem neuen Kunden einen Termin geben kann - schliesslich muss ich ab und zu ja auch noch arbeiten ;-) Und ich habe durchaus Verständnis für die Ungeduld, die sich dann unter Umständen breitmacht. Trotzdem sollte man mindestens kurz mal rückfragen, bevor man auf eigene Faust loslegt und Unsinn macht, weil man doch irgendwo im Internet gelesen hat...

Der Kunde möchte sich in seinem neugebauten Haus ein Tonstudio einrichten (Sie wissen bereits: er kommt ohnehin schon viel zu spät). Ich schaue mir das gerne an, aber ein paar Wochen muss sich der Kunde gedulden.

Eifrig und fleissig sind ein paar Wochen später bereits Innenschalen und Trennwände in Leichtbauweise eingebaut. Schade! Solche Konstruktionen sind ideale Bassabsorber - vorausgesetzt man baut sie nicht einfach nach dem Zufallsprinzip, sondern anhand einer vorherigen Berechnung.

Nun wirken die "Absorber" nicht nur dort, wo sie wenig nützen, sie saugen darüber hinaus in diesem Frequenzbereich auch noch die ganze Energie aus dem Raum. Vorschlag: Abriss? Nein dann doch lieber nicht. Also mit etwas nachträglicher Bastelei (Zusatzaufwand, nervig, kostet) das Schlimmste beheben und sich halt damit abfinden, dass man das sehr viel besser hätte haben können.

Was lernen wir daraus?

Leider wird oft viel zu spät an die Akustik gedacht. Gerade bei Neubauprojekten ist dies schade: eine seriöse Vorplanung, die akustische Aspekte mitberücksichtigt, vermiedet grundlegende Fehler, schont Nerven und Kosten und bringt am Ende erst noch ein besseres Ergebnis.

Ich werde oft darauf angesprochen, zu welchem Zeitpunkt man einen akustischen Fachplaner beiziehen sollte. Meine Antwort ist stets die gleiche: So früh wie irgendwie möglich! Man kann in dieser Hinsicht gar nicht zu früh dran sein. Am besten sitzt der Akustiker (spätestens) bereits bei der Grundrissplanung mit im Boot, wenn die Anordnung der Räume, die Raumhöhen, Positionen von Fenstern und Türen festgelegt werden.

Ganz besonders wichtig wird dies, wenn das Objekt als Tonstudio, Heimkino oder hochwertiger Musikhörraum genutzt werden soll. Für solche Räume gelten grundlegend andere Anforderungen, als sie z.B. im Wohnungsbau zur Anwendung kommen. Die wenigsten Architekten, Fachplaner oder Lieferanten haben das nötige Spezialwissen um solche Projekte erfolgreich umzusetzen. Wenn dann von gutgemeinten, aber für diesen Anwendungszweck völlig unbrauchbaren Annahmen ausgegangen wird, kommt früher oder später die Ernüchterung.

Aber auch bei Umbau und Neugestaltungen von Räumlichkeiten bei denen es um eine hochwertige Akustik geht, sollte man unbedingt so früh als möglich einen Akustiker kontaktieren.

(c) Markus Zehner, www.zehner.ch, 2018


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